Die Zukunft ist
angebrochen
Wie künstliche Intelligenz und Robotik die Abfallwirtschaft revolutionieren
Dr. Elmar Rückert ist Professor für Cyber Physical Systems an der Montanuniversität Leoben. Der Experte erklärt im Interview, worauf es bei KI ankommt und welche Umbrüche zu erwarten sind.
Seit 2021 leitet Professor Elmar Rückert den Lehrstuhl für Cyber Physical Systems.
Opportunity: Herr Professor Rückert, KI ist in aller Munde. Wo wird sie eigentlich im Alltag schon überall eingesetzt?
Prof. Rückert: Wir alle haben Smartphones und benutzen sie tagtäglich, da steckt schon viel KI drin. Dazu kommen die Chatbots, die immer öfter um Rat gefragt werden. Und auch im universitären Umfeld wird diese Entwicklung deut-lich: Während KI vor einem Jahr noch eher ein Randthema war, kommt sie heute schon häufig zur Anwendung. Ähnlich ist es auch in vielen Unternehmen. Oft fehlt jedoch das Verständnis dafür, wie KI tatsächlich funktioniert und wirklich sinnvoll eingesetzt werden kann.
„Jede industrielle Revolution birgt Chancen und Risiken.
Nur wer lernfähig ist und sich anpasst, profitiert.“
– Prof. Elmar Rückert
Opportunity: Wenn Sie mit einem KI-Mythos aufräumen könnten, welcher wäre das?
Prof. Rückert: Die Menschen geben sich der Illusion hin, mit KI alles lösen zu können. Ich habe ein Problem oder eine Fehlerdiagnose? Dann brauche ich nur die KI. Das klingt schön, entspricht aber nicht der Realität. Es braucht auch Expert:innen und Fachleute, die KI wirklich verstehen und diese richtig zu nutzen wissen. Und auch dann gibt es Grenzen.

Ein vierbeiniger Roboter wird an der Montanuniversität Leoben im Labor getestet.
Opportunity: Wirtschaftsforscher:innen betonen immer wieder, dass österreichische Unternehmen mehr KI einsetzen sollten. Wie kann das bei einem derart komplexen Thema gelingen?
Prof. Rückert: Es gibt Unternehmen, die KI in einer einfachen Form verwenden, also beispielsweise Prozesse im Bürobereich durch KI-Methoden effizienter gestalten. Aber auch hier gibt es verschiedene Herangehensweisen: Entweder kauft man sich eine Software und tastet sich ohne großes Vorwissen selbst heran. Oder man holt sich Expert:innen ins Haus, die sich wirklich tiefgehend mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Letzteres ist meiner Meinung nach vor allem dann wichtig, wenn Unternehmen vorhandene Daten mithilfe von KI analysieren und daraus Schlussfolgerungen treffen wollen. „Digitale Souveränität” ist hier ein großes Schlagwort. Und jedes Unternehmen sollte sehr genau darüber nachdenken, wo es in Zukunft wirklich hinwill.
„Viele Firmen wollen KI nutzen, ohne sich wirklich damit auseinanderzusetzen.
Aber so funktioniert das nicht.“
– Prof. Elmar Rückert
Opportunity: Stichwort ‚Digitale Souveränität‘: Worauf muss man hier achten?
Prof. Rückert: Wenn man Verträge mit einem KI-Unternehmen abschließt, muss einem bewusst sein, dass man dabei im Gegenzug oft die eigenen Daten dafür hergibt. Die Alternative dazu ist, eine eigene Expertise im eigenen Unternehmen aufzubauen und die Daten selbst zu verwenden. Daten sind das Gold der Zukunft, das muss man immer im Kopf haben. Allerdings brauche ich dafür auch ein tiefes Verständnis für Daten, eine spezifische Fragestellung, um spezielle Probleme lösen zu können. Nur Daten sammeln allein genügt nicht.

Ein Roboterarm erkennt und greift verschiedene Gegenstände – ein Beispiel für moderne Robotik.
Opportunity: Welche KI-Möglichkeiten sehen Sie für Komptech und die Abfallwirtschaft?
Prof. Rückert: In Ihrem Bereich gibt es durch die KI viele Möglichkeiten, um beispielsweise die Arbeit der Mitarbeiter:innen effizienter und sicherer zu machen. Etwa durch AR-Brillen, die beim Zusammenbauen schon genau anzeigen, wo welche Leitung hin muss und dergleichen. Hier ist auch wirklich KI im Spiel, denn es muss ja anhand des Kamerabildes analysiert werden, welcher Anschluss da gerade gezeigt und wie dieser richtig zusammengebaut wird. Auch bei den Maschinen selbst gibt es Möglichkeiten, etwa eine automatisierte Bildverarbeitung, die mit hoher Präzision die Korngrößen bestimmt.

Eine experimentelle Sortieranlage demonstriert automatisierte Erkennungs- und Trennprozesse.

Professor Rückert steuert die Sortieranlage.

Kupferreste aus einem Sortierversuch im Labor, gesammelt für die weitere Nutzung.
Opportunity: Macht künstliche Intelligenz Maschinen automatisch besser?
Prof. Rückert: Das würde ich so nicht sagen. Wenn ich eine Maschine mit KI und eine ohne KI habe, dann muss man sich letztlich auch ansehen, welche sich besser vermarkten lässt. Schließlich spielt das Preis-Leistungs-Verhältnis für die Kund:innen immer eine wichtige Rolle und wenn da die Balance nicht stimmt, wird sich KI nicht durchsetzen. Hierbei ist entscheidend: Künstliche Intelligenz kann nur effektiv genutzt werden, wenn entsprechende Strukturen und ein solides Prozessverständnis vorhanden sind – sowohl für die Maschinen als auch für die KI.
„In der KI-Robotik der Zukunft könnten neben Spezialisten auch
vielseitig einsetzbare Allrounder eine wichtige Rolle spielen.“
– Prof. Elmar Rückert
Opportunity: Welche Entwicklungen und Umbrüche könnten die Abfallwirtschaft im Bereich KI-gestützter Maschinen und Geräte in Zukunft noch erwarten?
Prof. Rückert: KI wird bereits in den verschiedensten Maschinen eingesetzt, wenn auch noch in überschaubarem Umfang und eher spezialisiert – etwa bei Sortier- oder Reinigungsrobotern. Kommende Generationen könnten dagegen universeller werden. Die Roboter haben dann vielleicht Gliedmaßen, bedienen die unterschiedlichsten Geräte und erledigen diverse Aufgaben. Man kann sie sich als intelligente Allrounder vorstellen, die ihre Umgebung laufend erfassen, Daten auswerten, Entscheidungen treffen und autonom agieren. Dennoch ist gerade Recycling ein ziemlich anspruchsvoller Prozess, da ist eine Fingerfertigkeit gefragt, die Roboter noch nicht leisten können. Was Maschinen aber auszeichnet, ist, dass sie rund um die Uhr laufen können.

Die Grenzen zwischen Science-Fiction und Realität könnten zunehmend verschwimmen, wenn neben den
spezialisierten Maschinen auch humanoide KI-Roboter selbstständig verschiedenste Tätigkeiten übernehmen.
Opportunity: Abschließend würden wir noch gerne wissen: Worauf freuen Sie sich persönlich, wenn Sie an die Zukunft der künstlichen Intelligenz denken?
Prof. Rückert: Ich freue mich auf eine spannende neue Welt mit vielen Herausforderungen, Zurückhaltung in der kritischen Nutzung von KI, aber auch neuen Lösungen für lebensbereichernde Interaktionen mit der KI und der Robotik.

Dr. Elmar Rückert ist Professor für Cyber Physical Systems an der Montanuniversität Leoben.
Der Lehrstuhl versteht sich als Bindeglied zwischen der künstlichen Intelligenz in der Theorie und praxisnahen Anwendungen in der
Industrie. Einer der Schwerpunkte ist das sogenannte Machine Learning. Dabei geht es u. a. um Maschinen, die ihre Umwelt wahrnehmen und in Echtzeit Daten verarbeiten sowie darauf basierende Entscheidungen ableiten.